frühling 2026
Nur Lebendiges schwimmt gegen den Strom

Eine alte Binsenweisheit! Tote Fische treiben mit im Strom. Lebendigsein, auf die innere Stimme hören, in einer guten Verbindung zu sich selbst und zur eigenen Geschichte stehen, den Mut finden, sich zu positionieren, die Angst vor Abgelehnt- oder Ausgeschlossenwerden verlieren…
All das könnten Bausteine sein dafür sein, sich frei und sicher zu fühlen, um gegen den Strom schwimmen zu können. Aber was passiert, wenn das Sicherheitsgefühl abhanden kommt?
Kollektives Trauern nach einer Silvesternacht
Am 9. Januar 2026 läuteten um 14 Uhr alle Glocken in der Schweiz. Eine Schweigeminute. Ein Land hielt kurz still und gedachte der Brandkatastrophe von Crans Montana in der Silvesternacht. Ein grosses Erschrecken, dass so etwas «bei uns» «in der sicheren Schweiz» passieren konnte! Eine solche kollektive Trauerbekundung kannte auch Deutschland nach dem Absturz der German Wings -Airbus in den französischen Alpen vor mittlerweile 11 Jahren. Es ging und geht um Sichtbarmachen und um Gemeinschaft: Es hätten ja auch meine Liebsten in diesem Flugzeug sitzen oder in der Bar von Crans Montana feiern können.
Erkenntnisse aus der Notfallpsychologie
In der Notfallpsychologie habe ich gelernt: Auslöser für eine Traumatisierung ist u.a. die Erschütterung der bisherigen Grundgewissheiten im Leben. Zum Beispiel, dass wir (und unsere Liebsten!) safe sind, dass wir sie schützen und uns auf eine Normalität verlassen können.
Wenn wir aber nach solchen tragischen Ereignissen kollektiv trauern können, dann sollten wir auch miteinander Gewissheiten finden können – oder uns zumindest in der Sehnsucht danach näher kommen.
Die Sehnsucht nach Sicherheit
In der Notfallpsychologie habe ich gelernt: Auslöser für eine Traumatisierung ist u.a. die Erschütterung der bisherigen Grundgewissheiten im Leben. Zum Beispiel, dass wir (und unsere Liebsten!) safe sind, dass wir sie schützen und uns auf eine Normalität verlassen können.
Wenn wir aber nach solchen tragischen Ereignissen kollektiv trauern können, dann sollten wir auch miteinander Gewissheiten finden können – oder uns zumindest in der Sehnsucht danach näher kommen.
Der Geigenbaumeister und Physikingenieur Martin Schleske schreibt in seinem kleinen Buch «Herztöne»:
«Dass wir Gewissheiten verlieren, weil etwas nicht stimmig ist,
kann auf eine verstörende Weise heilsam sein.
Wenn eine Gesellschaft aber ihre Sehnsucht
nach der verloren gegangenen Gewissheit verliert, ist sie verloren.»
Vielleicht geht es ja nicht darum, immer und in jeder Situation sicher zu sein, sondern dass wir sicher sein können, zumindest in Krisenzeiten nicht alleine sein zu müssen. Darin liegt im Übrigen ja auch der politische wie gesellschaftliche Wert eines (Trauer-) Rituals: «Es schafft Zeiten und Räume für das Unerklärte und Unerklärliche. In ihnen muss sich das Gemeinwesen nicht neu erfinden, in ihnen versichert es sich seiner Grundlagen», wie damals nach dem Flugzeugabsturz die Süddeutsche Zeitung am 24.3.2015 geschrieben hatte.
Heilsame Trauer
Trauer ist die Reaktion auf eine Verlusterfahrung, darauf, etwas Wertvolles, Liebevolles verloren zu haben, das uns schmerzlich fehlt. Es gibt aber auch Verlusterfahrungen, die heilsam sein können, weil sie im guten Sinne desillusionieren, neue Kräfte wecken und Horizonte eröffnen. Wenn das Bisherige nicht mehr «gewiss» ist, dann brauchen wir neue Sicherheiten. Wir finden sie in uns, in dem, was wir Intuition nennen oder Authentizität, im Mut, die eigenen Überzeugungen zu leben. Ja, in der Lebendigkeit, gegen den Strom schwimmen zu können. Wir finden sie aber auch in der Gemeinschaft mit anderen, die ebenso nach neuen Gewissheiten suchen.
Vielleicht war die Schweigeminute vom 9. Januar 2026 ein kleines Puzzleteil in diesem Suchprozess! Vielleicht war sie auch eine Einladung, dem Leben gastfreundlicher zu begegnen, wie es Richard Knecht im Gedicht «Gastfreundschaft» auf seine Weise formuliert hat.
Gastfreundschaft
Dem Tod im Leben ein Zuhause einrichten,
damit er sich wohlfühlt
und lange bleibt,
bevor er geht,
und das Leben mit sich nimmt.
Ja, lasst uns gastfreundlich bleiben und weiterhin, zumindest hin und wieder, gegen den Strom schwimmen. Weil wir wichtig sind. Ein Geschenk für die Welt. Gerade jetzt.