herbst 2025
Von Lebenssinn und Glück

Was ist ein sinnvolles Leben?
So lautet wohl die Urfrage aller Lebensratgeber:Innen. Üblicherweise werden dabei Happiness (also: persönliches Glück) und Meaning (eine Bedeutung haben, indem wir andere glücklich machen) genannt. Meaning, Bedeutung oder Sinn spielen auch bei Viktor Frankl, dem grossen Arzt, Psychotherapeuten und KZ-Überlebenden eine grosse Rolle. Für ihn liegt es im Wesen des Menschen, dass er nach Sinn fragt und sucht. Er kann dies auf drei Wegen tun: durch Schaffenswerte (z.B. durch Arbeit und Leistung,) durch Erlebniswerte (z.B. in der Natur, in der Liebe oder in der Kunst) und durch Einstellungswerte (z.B. durch unsere Haltung dem Leid oder gesellschaftlichen Entwicklungen gegenüber).
Der psychologische Reichtum
Im Magazin des Tagesanzeigers vom 6.9.25 zitieren Krogerus & Tschäppeler den japanischen Psychologieprofessor Shigehiro Oishi, der zu den beiden Dimensionen Happiness und Meaning noch eine dritte hinzugestellt: den Psychologischen Reichtum – Erfahrungen, die unser Leben vielfältiger und emotional intensiver machen. Und dazu gehören neben den Höhenflügen und Glücksmomenten (Glücksforscher sprechen vom «Flow») leider (oder gottlob?) auch die Widrigkeiten des Lebens. Unangenehme Momente, schmerzhafte Weichenstellungen, Schicksalsschläge und vieles mehr. Sie fordern uns heraus, lassen uns über uns hinauswachsen – oder hinterfragen manchmal bisherige Glaubenssätze oder Lebens- und Beziehungsmuster.
Der spirituelle Mensch
kultiviert heilsame Gedanken
wie einen Paradiesgarten,
in dem das Schmerzvolle
nicht als Unkraut gilt,
sondern als Dünger,
weil es letztlich
zum Wachstum anregt.
Einer Neugeburt im Denken
gehen oft
schmerzhafte Wehen voraus.
-- Wolfgang Weigand
Aus der Not eine Tugend machen
Vor einigen Jahren bin ich auf den Text Ich danke allen von Paolo Coelho gestossen. Die Dialektik des Textes erinnert mich an Aus der Not eine Tugend machen. Das alte deutsche Sprichwort mag auf den ersten Blick banal klingen, kann jedoch auch Wesentliches beinhalten. In der Gegensätzlichkeit und im Kontrast liegt oft eine vitale Kraft, hinter negativen Stimmungen ein positiver Wert, hinter nackten Zahlen eine lebendige Geschichte, hinter unhinterfragten Narrativen, die man halt so glaubt, auch eine Einladung zum Hinterfragen. Ja: hinter jedem Glaubenssatz steht auch ein Aufruf zum Zweifel, zumindest zur Reflexion.
In diesen Zeiten ist es wohl besonders wichtig, mit sich und seiner Intuition verbunden zu sein, aber auch Gemeinschaft mit anderen Menschen zu leben, wertschätzende Gedanken auszusenden und die natürlichen Ressourcen kraftvoll zu erleben. Vielleicht helfen auch Fantasie und Freundschaft, Nähe und Begegnung, Kreativität und Lebendigkeit. Es ist wichtig, sich vor Polarisierungen und angstmachenden Inszenierungen zu schützen, dafür sich selbst treu zu bleiben. Aber auch vom Gegenüber lernen und wohlwollend annehmen, was es mir spiegelt, weil ich mich dadurch verändern kann. Und, im Sinne von Coelho, immer wieder dankbar sein für alle Menschen, die uns dabei begleiten.
Ich danke allen, die meine Träume belächelt haben.
Sie haben meine Phantasie beflügelt
Ich denke allen, die mich in ihr Schema pressen wollten.
Sie haben mich den Wert der Freiheit gelehrt.
Ich danke allen, die nicht an mich geglaubt haben.
Sie haben mir zugemutet, Bäume zu versetzen.
Ich danke allen, die mich verlassen haben.
Sie haben mir Raum gegeben für Neues.
Ich danke allen, die mich verletzt haben.
Sie haben mich gelehrt, im Schmerz zu wachsen.
Ich danke allen, die mich verwirrt haben.
Sie haben mir meinen Standpunkt klar gemacht.
Vor allem danke ich all denen, die mich lieben, so wie ich bin.
Sie geben mir die Kraft zum Leben.
(Paolo Coelho)
Für wen es sich zu ändern lohnt...
Und wenn es um das Sich-verändern geht, könnte man auch noch folgenden Kalenderspruch anfügen: «Nur die, die dich so lieben wie du bist, sind es wert, dass du dich für sie änderst.»
Ich wünsche dir, euch und Ihnen einige herbstliche Glücksmomente, ein Fallen ins Wesentliche, hin und wieder eine Ahnung von tieferem Sinn im Leben, ab und zu ein liebevolles Verlassen bisheriger gewohnter Gleise – und immer wieder Menschen, denen man dankbar sein darf, weil sie verwirren, belächeln oder verlassen – und genau dadurch Dinge hervorrufen, die uns kraft- und bedeutungsvoll